
Wenn ein Land bei Null beginnt, entscheidet die Wirtschaftsarchitektur darüber, ob Frieden trägt. Ein politischer Mediator über Wiederaufbau, lokale Wertschöpfung und die Würde der Beteiligung.
Ein Wiederaufbau, der nur das physische Kapital ersetzt, verspielt eine historische Chance. Dieses Paper zeigt, warum Community Wealth Building (CWB) in der Ukraine zu einer Methode des Friedens werden kann — und wie sich erste Schritte konkret denken lassen.
Weltweit wächst der Ruf nach Wirtschaftsmodellen, die Resilienz, soziale Gerechtigkeit und ökologische Tragfähigkeit verbinden — und wirtschaftliche Entwicklung stärker am Menschen und an planetaren Grenzen ausrichten.
Weltweit wächst der Ruf nach Wirtschaftsmodellen, die Resilienz, soziale Gerechtigkeit und ökologische Tragfähigkeit verbinden und wirtschaftliche Entwicklung stärker am Menschen und an planetaren Grenzen ausrichten.1 Verschiedene Bewegungen wie Degrowth, Wellbeing Economy oder regenerative Wirtschaft zielen in die selbe Richtung. Wenig Modelle haben es aber geschafft, so eindrucksvoll und strukturiert eine wirtschaftliche und soziale Transformation zu erzielen, wie das Community Wealth Building (CWB) in diversen Städten geschafft hat. Und nun hat Schottland sogar eine nationale CWB-Strategie erlassen, die jede Gemeinde in Schottland verpflichtet, eine lokale CWB-Strategie zu haben.
Für mich als politischer Mediator stellt sich die Frage: ist CWB als Modell auch in Konfliktgebieten, wie zum Beispiel der Ukraine interessant?
In Ländern, die mit den Folgen von Krieg, Übergang und ständiger Unsicherheit leben, stellt sich für mich immer wieder die Frage: Wer baut es eigentlich wieder auf — und für wen? In vielen Nachkriegskontexten entsteht schnell eine sichtbare Ordnung, aber trotzdem fehlt etwas. Die Straßen werden repariert, die Verwaltung wird reorganisiert, Reformen werden aufgesetzt — und doch finden sich die Menschen in dieser neuen Ordnung häufig wieder und ihre (inneren) Kriegswunden können sie kaum überwinden.2
Warum? Der Wiederaufbau in Postkonfliktregionen ist historisch oft durch technokratische Ansätze geprägt, die den Fokus auf zentrale Institutionen und internationale Geldeber legen, dabei aber die lokale ökonomische Basis schwächen. Die internationale Erfahrung – etwa beim langjährigen Wiederaufbau in Bosnien und Herzegowina – lehrt, dass ein rein Top-down-orientierter Wiederaufbau das Risiko birgt, lokale Eigenverantwortung zu ersticken.
In Bosnien und Herzegowina führte der massive Zufluss internationaler Mittel, kanalisiert über hochzentralisierte Verwaltungsstrukturen, zu einer gewissen „Empfängermentalität". Lokale Unternehmen wurden bei großen Ausschreibungen zugunsten internationaler Firmen übergangen, und kommunale Verwaltungen wurden zu bloßen Verwaltern externer Budgets degradiert, anstatt als ökonomische Akteure in ihren Regionen zu wachsen. Ähnliche Muster zeigen sich in anderen Postkonfliktszenarien, in denen der Fokus auf schneller makroökonomischer Stabilisierung die soziale Kohäsion vor Ort untergrub.
Diese Erfahrung ist eine Mahnung für die Ukraine: Wenn Wiederaufbau als reine Kanalisierung von Geldern durch zentrale Institutionen und internationale Entwicklungsbanken begriffen wird, droht die seit 2014 gewachsene administrative Kapazität der Gemeinden – die sogenannte Hromada-Struktur – ausgehöhlt zu werden. Ein erfolgreicher Wiederaufbau darf nicht nur das physische Kapital (Infrastruktur) ersetzen, sondern muss das soziale und ökonomische Kapital (die lokale Wertschöpfung) stärken. Anstatt lokale Akteure als Empfänger zu behandeln, muss der Wiederaufbau sie als Partner institutionalisieren, um die ökonomische Basis ihrer Regionen nachhaltig zu sichern.3
Oft wird der Wiederaufbau als reine Last empfunden – als die Notwendigkeit, das Zerstörte so schnell wie möglich wiederherzustellen. Doch in dieser Not liegt eine paradoxe Freiheit. Wenn ein System am Boden liegt, wenn Institutionen neu gedacht werden müssen und wenn die alten, teils von Vetternwirtschaft geprägten wirtschaftlichen Routinen unterbrochen sind, entsteht ein historischer Nullpunkt.
Warum sollten wir in dieser Phase der Neufindung wieder exakt jene Wirtschaftsmodelle importieren, die schon andernorts an ihre sozialen und ökologischen Grenzen stoßen?4
Wenn wir ohnehin bei Null anfangen müssen, dann ist jetzt der Moment, Systeme zu wählen, die von Anfang an auf Teilhabe, Resilienz und gerechte Verteilung ausgelegt sind.5 Ein Wiederaufbau, der sich nur an der Vergangenheit orientiert, verpasst die Chance für einen echten Systemwechsel.
CWB ist in dieser Phase kein „Luxus" für stabile Gesellschaften, sondern kann die logischste Wahl für eine Gesellschaft im Aufbruch sein. Es ist weitaus einfacher, von Beginn an des Wiederaufbaus in eine lokale, gemeinwohlorientierte Infrastruktur zu investieren, als ein bereits etabliertes Wirtschaftssystem mühsam umbauen zu müssen, während man gleichzeitig gegen festgefahrene Interessen kämpft.
Wer heute neu baut, kann entscheiden: Bauen wir eine Wirtschaftsarchitektur, die Abhängigkeit fördert – oder eine Architektur, die Ermächtigung und Freiheit fördert?6
Wer heute neu baut, kann entscheiden: Bauen wir eine Wirtschaftsarchitektur, die Abhängigkeit fördert — oder eine Architektur, die Ermächtigung und Freiheit fördert?
Daneben gibt es einen weiteren Aspekt, der in vielen Postkonfliktgebieten zu kurz kommt. Frieden ist kein Zustand, den man einfach unterschreibt. Frieden muss gesellschaftlich hergestellt werden. Das bedeutet: Vertrauen wieder aufbauen, Zugehörigkeit wieder möglich machen, Verantwortung neu verteilen und den Menschen das Gefühl zurückgeben, dass ihre Zukunft nicht nur administriert, sondern von ihnen mitgestaltet wird.7
Der sogenannte „Positive Peace" beschreibt Frieden als ein Mehr zum „Ruhen der Waffen". Frieden im positiven Sinne entsteht durch tragfähige Strukturen, Vertrauen und eine gesellschaftliche Resilienz.8
Kriegserfahrungen verschwinden nicht durch politische Erklärungen. Sie bleiben in Körpern, Beziehungen, Institutionen und in der Art, wie Menschen auf Behörden, auf Nachbarn oder auf den Staat reagieren.9 Wenn ein System nach dem Krieg die Betroffenen wieder zu bloßen Empfängern macht, verstärkt es genau jene Ohnmacht, aus der Konflikte, Rückzug und politische Zersplitterung wachsen können.10
Ein Friedensprozess, der diese soziale Dimension nicht ausreichend adressiert, kann äußerlich stabil wirken und innerlich dennoch brüchig bleiben (und so die Saat für neue Konflikte legen).
Wenn Frieden mehr sein soll als das Ende der Gewalt, dann braucht es eine ökonomische Architektur, ein System, das Wellbeing fördert, dass die Menschen nicht nur versorgt, sondern ermächtigt und damit Heilung begünstigt.11
„Positive Peace" beschreibt Frieden nicht als bloße Abwesenheit von Gewalt, sondern als ein Bündel tragfähiger Strukturen — Institutionen, Beziehungen, Vertrauen — die eine Gesellschaft widerstandsfähig und kooperationsfähig machen.
Genau da kommt Community Wealth Building (CWB) ins Spiel. Um CWB zu verstehen, muss man es sich als eine radikale Umkehrung der gängigen wirtschaftlichen Logik vorstellen. Anstatt Wohlstand aus einer Region abfließen zu lassen (z.B. durch kommunale Aufträge an auswärtige Unternehmen), zielt CWB darauf ab, ihn dort zu verankern, wo er entsteht. Es ist ein Ansatz, der nicht darauf wartet, dass Investitionen von oben oder von außen kommen (wodurch Abhängigkeiten geschaffen werden), sondern der die vorhandenen Ressourcen einer Gemeinschaft – ihre sogenannten Ankerinstitutionen wie Krankenhäuser, Universitäten, Kommunalverwaltungen oder wichtige Unternehmen – strategisch nutzt, um lokales Leben und Wirtschaft zu stärken.12 Das geschieht etwa durch eine progressive Beschaffung, bei der öffentliche Aufträge bevorzugt an lokale Unternehmen oder Genossenschaften vergeben werden, durch die Förderung von lokalem Eigentum und durch die konsequente Stärkung fairer Arbeitsverhältnisse vor Ort.13
Das vielleicht eindrucksvollste Beispiel für diese Wirkung ist die Stadt Preston in Grossbritannien. In einer Stadt, die nach der Deindustrialisierung wirtschaftlich weitgehend abgeschrieben war, stellten die lokalen Akteure ein fundamentales Leck in ihrer Ökonomie fest: Öffentliche Gelder der Ankerinstitutionen – vom Stadtrat bis zum örtlichen College – flossen als Aufträge fast vollständig an externe Großkonzerne ab, was den lokalen Markt ausbluten ließ. Um diesen Abfluss zu stoppen, begannen sie damit, ihre Ausgaben konsequent lokal zu bündeln.14 Anstatt Aufträge an externe Firmen zu vergeben, die den Gewinn sofort aus der Stadt zogen, wurde das Geld gezielt bei lokalen Unternehmen investiert. Das Ergebnis war eine spürbare ökonomische Wiederbelebung: Neue lokale Firmen entstanden, Arbeitsplätze wurden sicherer, und die Menschen begannen Preston wieder als eine Stadt zu sehen, in der sie ihre wirtschaftliche Zukunft selbst mitgestalten können.15
Neben Preston ist auch das Beispiel aus Schottland besonders eindrucksvoll. Schottland hat als erstes Land CWB als nationale Strategie gesetzlich verankert.
Mit dem im März 2026 verabschiedeten Community Wealth Building Act hat das Land als weltweit erste Nation diesen Ansatz gesetzlich in seine Wirtschaftsstruktur eingebettet.16 Damit verlässt Schottland die Ebene der bloßen Empfehlung und verpflichtet öffentliche Einrichtungen — von lokalen Behörden bis hin zu Gesundheits- und Bildungsträgern — zur aktiven Umsetzung.17 Die gesetzliche Verpflichtung zwingt Kommunen und Partner dazu, in sogenannten „CWB-Partnerschaften" zusammenzuarbeiten und verbindliche Aktionspläne aufzustellen und zu veröffentlichen. Das kommt einer Wirtschaftsverwaltungsreform gleich.
Für Postkonfliktregionen ist das ein entscheidendes Signal: CWB ist kein „nettes Extra", sondern kann als notwendiger institutioneller Rahmen dienen, um wirtschaftliche Gerechtigkeit und soziale Stabilität systematisch zu sichern.18 Schottland zeigt damit, dass lokales Handeln am wirksamsten ist, wenn es durch einen nationalen Rahmen geschützt, skaliert und institutionalisiert wird.19
Für die Perspektive in der Ukraine ist dieses Beispiel entscheidend. Es zeigt, dass ökonomische Wiederbelebung nicht immer auf massive, oft anfällige externe Finanzspritzen angewiesen ist. Es zeigt, dass man auch unter schwierigen Bedingungen beginnen kann, Verantwortung vor Ort zurückzugewinnen.
Hier werden 3 Beispiele für das Handeln auf Basis von CWB vorgestellt, um es anfassbarer zu machen:
„Wenn eine Stadtverwaltung in einer Postkonfliktregion ihre Schulen und Pflegeheime verpflichtet, einen Großteil der Lebensmittel von regionalen Kooperativen zu beziehen, entsteht ein stabiler Absatzmarkt für lokale Landwirte. Das schafft nicht nur Einkommen, sondern verbindet die städtischen Ankerinstitutionen direkt mit der ländlichen Produktion. Bauern, die nach dem Konflikt isoliert waren, sehen plötzlich, dass ihre Ernte eine direkte soziale Funktion hat. Diese Vernetzung bricht die informellen, oft korrupten Handelswege auf und ersetzt sie durch eine transparente, soziale Lieferkette, bei der jede Seite einen direkten Nutzen von der wirtschaftlichen Gesundheit der anderen hat."
„Wenn eine Gemeinde einen kleinen Kreditfonds gründet, der von lokalen Institutionen gespeist wird und gezielt lokale Kleinunternehmer unterstützt, ändert sich die Machtdynamik. Anstatt auf die oft zögerliche oder bürokratische Kreditvergabe großer, internationaler Finanzhäuser angewiesen zu sein, entscheidet eine lokale Kommission über die Vergabe. Die Entscheidungsträger kennen die Antragsteller und die lokalen Risiken besser. Das fördert ein System der gegenseitigen Verantwortung: Die Kreditnehmer wissen, dass sie die Mittel ihrer eigenen Gemeinschaft nutzen, was die Hemmschwelle zur missbräuchlichen Verwendung oder zur Korruption senkt. Es ist ein Akt der wirtschaftlichen Selbstverwaltung, der Vertrauen belohnt statt es durch rein externe Kontrollinstanzen zu ersetzen."
„Wenn eine Stadtverwaltung in einer durch den Krieg beschädigten Zone leerstehende öffentliche Flächen oder Gebäude nicht an den Höchstbietenden verkauft, sondern sie für soziale Startups oder lokale Werkstätten zu günstigen Konditionen zur Verfügung stellt, geschieht eine Umwertung von Raum. Diese Räume werden zu Orten der produktiven Zusammenarbeit, in denen Reparatur, Handwerk oder soziale Dienste geleistet werden. Menschen, die zuvor in ihrer Wohnung festsaßen und sich als Verlierer des Krieges fühlten, finden hier einen physischen Ort, an dem sie ihr handwerkliches Wissen wieder einbringen können. Die Stadt wird so zum Gestalter von Teilhabe, statt zur bloßen Verwalterin des Ruinenbestands."
CWB ist nicht nur ein wirtschaftspolitischer Ansatz, sondern ein Modell, das Verantwortung zurück in die Gesellschaft holt. Menschen erleben dadurch nicht mehr nur, dass etwas „für sie" gemacht wird, sondern dass sie selbst Teil der Entwicklung ihrer Zukunft sind.20 Wenn Menschen wieder beteiligt sind, wenn ihr Wissen zählt, wenn ihre Arbeit sichtbar wird und wenn sie Zugang zu lokalen wirtschaftlichen Strukturen bekommen, dann entsteht nicht nur Einkommen, sondern Würde und Hoffnung für eine bessere und vor allem selbstbestimmte Zukunft.21
Aus dieser Würde wächst oft etwas sehr Praktisches: Verantwortung. Wer mitentscheidet, übernimmt eher Verantwortung. Wer mitträgt und mitgestaltet, sieht die Zukunft als einen Ort, den sie/er verändern kann, und weniger als „Opfer" der Verhältnisse.22
Und diese Verantwortungsübernahme ist entscheidend, wenn nach Frieden auch Heilung und Versöhnung eintreten soll. Eine Verantwortungsübernahme als alltägliche Praxis schafft, dass Menschen miteinander in Beziehung treten. Wenn Menschen gemeinsam Arbeitsplätze aufbauen, lokale Unternehmen stärken oder Eigentum teilen, dann kann Versöhnung nicht nur als Gespräch, sondern auch als gelebte Kooperation geschehen.23
Es entsteht ein neuer Normalzustand, ein Zustand der Entwicklung und nicht der bloßen Nachkriegszeit. Das ist zentral, denn echte Versöhnung braucht praktische Erfahrung: dass man etwas gemeinsam aufbaut, etwas gemeinsam trägt und gemeinsam davon profitiert.24
Wer mitentscheidet, übernimmt eher Verantwortung. Wer mitträgt und mitgestaltet, sieht die Zukunft als einen Ort, den sie/er verändern kann — und weniger als „Opfer" der Verhältnisse.
Community Wealth Building ist nicht nur ein Modell, das lokales Wirtschaften und soziale Gerechtigkeit fördert, sondern auch für ökonomische Effizienz im Wiederaufbau stehen kann. CWB steigert die Effizienz durch folgende Mechanismen:
Indem öffentliche Aufträge, Investitionen und Beschäftigung konsequent auf lokale Unternehmen, Arbeitskräfte und Lieferketten ausgerichtet werden, bleibt das Geld im Land und zirkuliert dort mehrfach.25 Ein Euro, der lokal reinvestiert wird, entfaltet so eine deutlich höhere ökonomische Wirkung als in einem extraktiven Modell.
Da die lokale Wertschöpfung steigt und das Kapital im Land bleibt, sinkt langfristig die Notwendigkeit für ständige neue ausländische Hilfsgelder. Wiederaufbau wird somit im Land selbst internalisiert — er entwickelt sich zu einer Fähigkeit, die stetig wächst, anstatt nur eine Leistung zu sein, die von außen bezogen wird.26
Lokale Firmen, die vor Ort verankert sind, können Infrastruktur besser und schneller instand halten als externe Anbieter.27
Durch den Fokus auf transparente, lokale Beschaffung und demokratische Kontrolle wird das Risiko von Korruption und überhöhten Preisen, wie sie in zentralisierten, undurchsichtigen Ausschreibungen oft vorkommen, signifikant reduziert.28
CWB reduziert Kosten, die durch Abwanderung, soziale Spannungen oder notwendige staatliche Transferzahlungen entstehen würden.29
Die Ukraine befindet sich in einer kritischen Phase der Neuordnung, die durch den fortwährenden Krieg massiv erschwert wird. Dabei ist wichtig zu unterscheiden: Während in relativ stabilen Regionen – fernab der direkten Frontlinien – die Strukturen für lokales Wirtschaften und CWB aufgebaut und gestärkt werden können, ist dies in frontnahen Gebieten wie Teilen der Oblast Saporischschja aktuell nicht möglich. In Regionen, die unter direktem Beschuss stehen oder unmittelbar umkämpft sind, steht das reine physische Überleben und die Aufrechterhaltung der staatlichen Grundversorgung im Vordergrund; hier können langfristige Strategien der lokalen Wertschöpfung noch nicht greifen.
Dazu kommt, dass die technokratische Notwendigkeit, internationale Finanzhilfen durch zentrale Institutionen zu koordinieren, in der akuten Krisenlage mit kriegswichtigen Zonen wohl unumgänglich ist. Das könnte jedoch für stabilisierte Regionen anders aussehen: Dort darf die kriegsbedingte Top-down-Steuerung nicht zur neuen Normalität werden.
Wenn Wiederaufbau primär zentralistisch organisiert wird, drohen die lokale Handlungsfähigkeit und das Prinzip der kommunalen Verantwortung auch in sicheren Gebieten untergraben zu werden. Seit 2014 hat die Dezentralisierungsreform den Gemeinden deutlich mehr Entscheidungs- und Budgetkompetenz gegeben, doch mehr Autonomie allein schafft noch keine lokale wirtschaftliche Stärke oder soziale Resilienz.
Genau hier setzt CWB an: Es übersetzt politische Dezentralisierung in ökonomische Macht vor Ort, indem öffentliche Ausgaben, Beschaffung, Arbeitsplätze und Eigentum so organisiert werden, dass sie in der Region bleiben und dort Kreisläufe der Wertschöpfung erzeugen. Das ist besonders wichtig in einem Land, in dem Wiederaufbau sonst leicht zu zentral, zu technokratisch und zu abhängig von externen Geldströmen organisiert werden kann.
CWB würde die Gemeinden also nicht nur näher an die Bürger bringen, sondern ihnen auch das geben, was für echte Selbstbestimmung entscheidend ist: die Fähigkeit, wirtschaftliche Zukunft selbst mitzugestalten. Damit wird Dezentralisierung nicht nur verwaltungstechnisch, sondern auch gesellschaftlich und friedenspolitisch wirksam.
CWB gibt ein System vor, es ordnet, verbindet und skaliert das, was bereits da ist, und verwandelt einzelne Projekte in eine tragfähige Friedens- und Wirtschaftsarchitektur.30
Damit Community Wealth Building (CWB) über den Status eines theoretischen Korrektivs hinausgeht, müssen für den ukrainischen Wiederaufbau konkrete operative Schritte definiert werden:
Um CWB schrittweise einzuführen, sollten spezifische „CWB-Pilotkommunen" definiert werden. Die Etablierung von CWB sollte nur in Kommunen ohne Militärverwaltung, und damit in befriedeten Regionen (etwa im Westen oder in stabilisierten zentralen Oblasten, wie Wyshniwez/Ternopil, Irpin/Kyjiw-Oblast, um Lwiw oder Winnyzja.) passieren. Hier können Modelle für lokale Beschaffung und die gemeinsame Verwaltung öffentlicher Assets erprobt werden.
Finanzierungsmechanismen für den Wiederaufbau sollten an Bedingungen geknüpft werden, die lokale Wertschöpfung priorisieren. Das bedeutet: Nationale Koordinationsstellen müssen verpflichtet werden, einen Mindestanteil an Aufträgen an lokale KMUs oder sozialwirtschaftliche Akteure in der Region zu vergeben.
Aufbau von „CWB-Partnerschaftsräten", in denen lokale Verwaltung, Zivilgesellschaft und regionale Unternehmen gemeinsam Aktionspläne erarbeiten. Diese Räte fungieren als direkte Schnittstelle zu den internationalen Geberorganisationen, um deren Mittel nicht nur „zu empfangen", sondern gemäß lokaler Bedarfe zu steuern.
Einführung standardisierter Monitoring-Instrumente, die nicht nur den Fortschritt baulicher Maßnahmen messen, sondern den Verbleib des Kapitals in der Region (lokale Multiplikatoreffekte) transparent machen.
Diese Schritte verwandeln die abstrakte Forderung nach Dezentralisierung in mögliche Schritte zu einer messbare Reformierung zu lokalem Wirtschaften. So wird verhindert, dass der Wiederaufbau zu einem bloßen „Top-down-Projekt" externer Akteure degradiert wird, und stattdessen die ökonomische Basis der ukrainischen Kommunen nachhaltig gestärkt wird.
„Die eigentliche Friedensfrage in Postkonfliktregionen lautet: Wie schaffen wir es, dass Menschen nicht nur überleben, sondern wieder gemeinsam handeln und eine eigenverantwortliche Identität entwickeln können? Community Wealth Building bietet hier einen Weg, indem es (Post-) Konfliktgesellschaften ein System ermöglicht, in dem Würde, Teilhabe und ökonomische Hoffnung nicht Privilegien einiger weniger bleiben, sondern zu einer gemeinsamen Grundlage werden."
Ein praktischer Schritt ist die Erprobung in stabilen Regionen der Ukraine: Ausgewählte Kommunen könnten als Pilotorte dienen, um lokale Beschaffung, kooperative Verwaltung öffentlicher Ressourcen und neue Formen kommunaler Partnerschaften testweise umzusetzen. Solche Pilotansätze würden zeigen, wie CWB schrittweise an die ukrainische Verwaltungsrealität angepasst werden kann, um übertragbare Modelle für den weiteren Wiederaufbau zu entwickeln. So kann eine menschenwürdige Zukunft entstehen mit Chancen auf einen langfristigen, wirklichen (positiven) Frieden.
Und unter Umständen entsteht sogar ein „Blueprint" für andere Regionen, die von der (ehemaligen) (Post-) Konfliktregion lernen können, wie ein resilientes, gerechtes und ökologisch nachhaltiges lokales Wirtschaftsmodell in der Praxis aussehen kann."