Wie aus dem Wiederaufbau in der Ukraine eine Chance auf gerechtere Strukturen wird — und warum lokale Wertschöpfung darüber entscheidet, ob Frieden über Generationen trägt.
Dieses Paper macht einen Vorschlag: den Wiederaufbau der Ukraine nicht nur als ökonomische, sondern als friedenspolitische Aufgabe zu denken — und Community Wealth Building dafür als operatives Instrument zu nutzen.
Die entscheidende Frage ist nicht wie viel wieder aufgebaut wird, sondern wem die wieder aufgebaute Ukraine gehört — und ob die Strukturen, die jetzt entstehen, eine zweite Eskalation in zehn Jahren wahrscheinlicher oder unwahrscheinlicher machen.
Wiederaufbau ist nie nur Wiederaufbau. Er ist immer eine Entscheidung darüber, welche Ordnung als nächste entsteht. In der Ukraine fällt diese Entscheidung jetzt — in Verträgen, in Beschaffungsrichtlinien, in Eigentumsstrukturen, die in den kommenden 24 Monaten festgeschrieben werden.
Der Befund aus internationalen Friedensprozessen ist eindeutig: Frieden hält nicht, wenn er nur auf politischen Abkommen ruht. Er hält, wenn Menschen materielle Gründe haben, ihn zu wollen — Arbeit, Eigentum, Mitsprache, eine Zukunft, die ihnen gehört.
Genau hier setzt Community Wealth Building (CWB) an. Es ist kein Wirtschaftsmodell aus dem Lehrbuch, sondern eine Praxis, die in den vergangenen zwei Jahrzehnten in Preston, Cleveland, Mondragón und im Baskenland gezeigt hat: Lokale Wertschöpfung lässt sich gestalten — auch gegen die Schwerkraft globalisierter Kapitalströme.
Erstens. Der Wiederaufbau wird zwischen 400 und 750 Mrd. € kosten — die Weltbank, EU-Kommission und ukrainische Regierung haben sich auf diese Spanne festgelegt. Das ist mehr als der Marshall-Plan, real gerechnet.
Zweitens. Bisher dominiert in den Vorbereitungspapieren eine investorengetriebene Logik: Großprojekte, strategische Sektoren, internationale Konsortien. Lokale Eigentumsfragen werden nachgelagert behandelt.
Drittens. Wo Wiederaufbau ohne lokale Verankerung passiert — Kosovo, Bosnien, Irak — entstehen extraktive Wirtschaftsstrukturen, die Konflikte konservieren statt sie zu lösen.
Dieses Paper schlägt vor, CWB als operativen Rahmen für den ukrainischen Wiederaufbau zu verankern — nicht als Ersatz für Großinvestitionen, sondern als verbindliche Bedingung dafür, wie diese in Regionen ankommen. Konkret: über lokale Beschaffungsquoten, plurale Eigentumsformen und kommunale Finanzkreisläufe.
Die These ist einfach: Wer mit Würde wieder aufbaut, baut Frieden mit auf. Wer ohne Würde wieder aufbaut, baut die nächste Eskalation mit auf.
Frieden entsteht nicht nur durch Dialog. Er entsteht durch Würde, lokale Handlungsfähigkeit und ein gemeinsames Interesse an einer besseren Zukunft.
— Martin Michaelis · Mediator, EU- und Auswärtige-Amt-Programme seit 2008
CWB ist kein Konzept aus dem Reißbrett. Es ist ein set of practices — entstanden aus Stadt- und Regionalpolitik in den USA und Großbritannien — das Kapital, Beschaffung, Eigentum, Arbeit und Boden so organisiert, dass Wertschöpfung in der Region bleibt.
Krankenhäuser, Hochschulen, Kommunen und große Arbeitgeber lenken Beschaffung, Personal und Investitionen bewusst lokal.
Genossenschaften, kommunale Betriebe, Stiftungen und mitarbeitergeführte Unternehmen statt rein extraktiver Eigentümerstruktur.
Existenzsichernde Löhne, Tarifbindung, Aufstiegsmöglichkeiten — als Standard, nicht als Verhandlungsmasse.
Regionale Banken, Bürgerfonds und Kommunalanleihen halten Kapital im Kreislauf der Region.
Kommunaler und gemeinwohlorientierter Bodenbesitz verhindert spekulative Bodenpreise und sichert Daseinsvorsorge.
EU-Kohäsion, nationale Budgets, Gebermittel, Versicherungsleistungen.
Beschaffungsquoten, Konsortien mit lokalen KMU, Genossenschaftsförderung.
Arbeit, Eigentum, Steuern und Beziehungen, die in der Region bleiben.
CWB ist keine Verstaatlichung und kein Protektionismus. Privatwirtschaft, internationaler Handel und externe Investitionen bleiben Teil des Bildes. Verändert wird die Architektur, in der diese Investitionen ankommen — nicht ihre Existenz.
CWB ist keine einzelne Maßnahme. Es ist ein Bündel von Hebeln, das nur gemeinsam wirkt: Beschaffung ohne Eigentumsförderung versickert. Eigentum ohne Finanzierungszugang stagniert. Finanzierung ohne faire Arbeit produziert Konflikt.
CWB ist eine Governance-Praxis. Sie organisiert, wer entscheidet, wem etwas gehört und wo Wert bleibt — und macht diese Fragen zum Gegenstand kommunaler und regionaler Politik, nicht zu einer Restgröße des Marktes.
Preston bündelte ab 2012 die Beschaffung von sechs Anker-Institutionen (Stadtverwaltung, Polizei, Universität, NHS-Trusts, Wohnungsbauverband) und steuerte sie systematisch in die Region. 2013 flossen 5 % dieser 750 Mio. £ an lokale Lieferanten. 2023 waren es 18 % — bei gleichzeitiger Gründung mehrerer mitarbeitergeführter Unternehmen und einer regionalen Genossenschaftsbank in Vorbereitung.
Die Cleveland Clinic, University Hospitals und die Case Western Reserve garantieren über Langzeitverträge Abnahme an drei mitarbeitergeführte Genossenschaften: Wäscherei, Solaranlagenbau und Gewächshäuser. Über 200 Beschäftigte sind Eigentümer; die Region Greater University Circle hat damit nachweisbar Vermögen aufgebaut, das zuvor systematisch abfloss.
Seit 1956 demonstriert Mondragón, dass Genossenschaften nicht klein und nischig bleiben müssen. Die Föderation kombiniert eigene Finanzierung (Caja Laboral), eigene Bildung (Mondragón Universität) und solidarische Verlustdeckung — und ist mit einem Umsatz von über 11 Mrd. € die größte Koop-Föderation der Welt. Resilienz in Krisen: nachweislich höher als bei vergleichbaren Aktiengesellschaften.
Alle drei begannen kommunal, nicht national. Alle drei brauchten politischen Willen über mindestens eine Wahlperiode. Und alle drei bewirkten messbar nicht nur ökonomische, sondern soziale Stabilisierung — weniger Wegzug, mehr zivilgesellschaftliches Engagement, geringere Vertrauensverluste in Institutionen. Genau diese Effekte sind im ukrainischen Wiederaufbau überlebenswichtig.
In den kommenden zwei Jahren werden Beschaffungsrichtlinien, Eigentumsregelungen für Wiederaufbau-Fonds und die Architektur des Ukraine Facility festgeschrieben. Was jetzt nicht verankert wird, ist später politisch schwer korrigierbar.
Frieden ohne wirtschaftliche Teilhabe ist ein Vertrag, der jederzeit gekündigt werden kann. Frieden mit Teilhabe ist eine Struktur, in der Menschen ein materielles Interesse haben, ihn zu verteidigen.
— Erfahrung aus EU-Programmen Südkaukasus & Balkan, 2010–2016
Peacebuilding-Forschung — von Lederach bis zur Berghof Foundation — beschreibt seit drei Jahrzehnten dieselbe Lücke: Politische Abkommen halten dort, wo sie in lokale Strukturen, geteilte Würde und materielle Teilhabe übersetzt werden. CWB ist genau ein solcher Übersetzungsmechanismus.
Wer Eigentum hat, hat eine Stimme. Plurales Eigentum — Genossenschaft, kommunaler Betrieb, Mitarbeiterbeteiligung — verankert wirtschaftliche Macht dort, wo sie sozial wirksam wird. Erfahrungen aus Nordirland, Kolumbien und Ruanda zeigen: Wo Wiederaufbau Eigentum verteilt, sinkt das Risiko erneuter Eskalation messbar.
CWB-Prozesse sind per Design deliberativ: Anker-Strategien werden in offenen Foren entwickelt, Beschaffungskriterien öffentlich verhandelt, lokale Räte in Entscheidungen eingebunden. Genau diese Beteiligungsroutinen sind das Trainingsfeld, in dem demokratische Praxis nach Krieg überhaupt wieder geübt wird.
Wo Menschen unterschiedlicher Herkunft, Sprache und Geschichte in derselben Genossenschaft arbeiten, derselben Klinik vertrauen, dieselbe Bürgerenergieanlage besitzen — entstehen geteilte Interessen. Das ist nicht romantisch, sondern banal: gemeinsamer ökonomischer Erfolg macht Kooperation rationaler als Feindschaft.
CWB ist keine Alternative zu klassischer Mediation, Dialogarbeit, Versöhnungsprozessen und Transitional Justice. Es ist die materielle Infrastruktur, ohne die diese Verfahren auf Dauer nicht tragen. Peacebuilding ohne CWB ist wie ein Dach ohne Wände.
Die These dieses Papers — Würde + Teilhabe + materielle Sicherheit = haltbarer Frieden — ist in der internationalen Friedens- und Konfliktforschung gut belegt (UN DPPA Reviews 2018/22, Berghof Handbook). Neu ist hier nur die operative Brücke: CWB als institutioneller Träger dieser drei Faktoren in einem konkreten Wiederaufbaukontext.
Es reicht nicht, Konflikte zu lösen. Es geht darum, die Rahmenbedingungen so zu verändern, dass neues Verhalten, neue Zusammenarbeit und neue Entscheidungen dauerhaft möglich werden.
— Aus der Beratungspraxis, EU- und AA-Programme
Die Energieinfrastruktur ist gezielt zerstört worden. Wiederaufbau dezentral, kommunal und genossenschaftlich denken: Solar auf Dächern, Bürgerwindparks, lokale Wärmenetze. Vorteil doppelt: militärisch resilient (kein einzelner Treffer legt das Netz lahm) und ökonomisch verteilend.
Hebel: EU-Energiefonds an Bürgerenergie-Quoten koppeln (Vorschlag: mind. 25 %).
3,7 Mio Binnenvertriebene, hunderttausende Kriegsversehrte: Pflege wird zur Schlüsselbranche der nächsten zwei Jahrzehnte. Genossenschaftsmodelle (vgl. Buurtzorg / Cleveland Evergreen) sichern Versorgung dort, wo der Markt keine Rendite verspricht — und schaffen Eigentum für Pflegende.
Hebel: Pflegefonds als Ankerinstitution gestalten — mit Abnahmegarantien für lokale Träger.
Wohnraumwiederaufbau ist das größte Einzelvolumen. Beschaffungsregeln entscheiden, ob daraus eine lokale Wertschöpfungskette wird oder ein Großauftrag an ein einziges internationales Konsortium. Vorschlag: Verbindliche KMU-Konsortien und lokale Genossenschaftsquoten bei Aufträgen > 5 Mio €.
Hebel: Ukraine Facility — Konditionalitäten zu lokaler Beschaffung verschärfen.
Die ukrainische Landreform öffnet einen historisch seltenen Möglichkeitsraum. Ohne CWB-Rahmung droht massive Konzentration in wenigen Agrarkonzernen. Mit CWB-Rahmung: Genossenschaftliche Bewirtschaftungsmodelle, kommunale Bodenfonds, Direktvermarktungsstrukturen.
Hebel: Landreform mit Eigentumsobergrenzen & Koop-Förderung verknüpfen.
CWB ist strukturell anti-korrupt: dezentrale Eigentums- und Beschaffungsstrukturen lassen sich schwerer kapern als zentrale Großaufträge. In einem Wiederaufbau, in dem Korruption das größte Reputationsrisiko gegenüber europäischen Steuerzahlerinnen ist, ist CWB damit nicht nur ökonomisch, sondern politisch attraktiv.
Die folgenden Empfehlungen sind so formuliert, dass sie in bestehenden Instrumenten — Ukraine Facility, EBRD, EIB, bilateralen Wiederaufbau-Verträgen — ohne neue Rechtsetzung umsetzbar sind. Sie sind politische Entscheidungen, keine Reformprojekte.
Mindestens 35 % der Auftragsvolumina > 5 Mio € müssen über lokale Konsortien (mind. 50 % ukrainische KMU oder Genossenschaften) realisiert werden.
Kliniken, Hochschulen, Stadtwerke und Großarbeitgeber verpflichten sich auf eine gemeinsame regionale Beschaffungs- und Personalstrategie.
Ein 2-Mrd-€-Fonds für Gründung und Skalierung mitarbeiter- und kommunalgeführter Unternehmen. Beteiligung statt klassisches Kreditgeschäft.
Mindestens 25 % des wieder aufgebauten Erzeugungsvolumens in Hand von Genossenschaften, Kommunen oder Bürgerfonds.
Großkredite an private Träger nur bei nachweisbarer Eigentumsbeteiligung lokaler Akteure (Belegschaft, Kommune oder Genossenschaft, > 20 %).
Genossenschaftsrecht so reformieren, dass moderne Mitarbeiterbeteiligung, hybride Träger und Sozialunternehmen anschlussfähig sind.
Bilaterale Lernpartnerschaften ukrainischer Oblaste mit erfahrenen CWB-Regionen — finanziert über bestehende Twinning-Programme.
Kommunale Foren, partizipative Budgetverfahren und Bürgerräte als Bedingung für Mittelabruf. Beteiligung ist nicht Beiwerk — sie ist Friedensinfrastruktur.
Diese acht Empfehlungen wirken nur, wenn sie vor der nächsten Verlängerung des Ukraine Facility (2027) verbindlich werden. Danach sind Beschaffungsroutinen und Eigentumsstrukturen verfestigt — und politisch deutlich schwerer zu korrigieren. Das Fenster schließt sich.
Die Ukraine wird in den nächsten Jahren wieder aufgebaut werden — das ist gesetzt. Offen ist nur, nach welcher Logik. Eine investorengetriebene Logik ist effizient kurzfristig, aber strukturell extraktiv und friedenspolitisch riskant. Eine CWB-getragene Logik ist aufwendiger in der Steuerung, aber sie verteilt Eigentum, Würde und Handlungsfähigkeit dorthin, wo Frieden entsteht.
Dieses Paper macht keinen utopischen Vorschlag. Es macht einen technisch umsetzbaren Vorschlag, der in den bestehenden Instrumenten — Ukraine Facility, EIB, EBRD, bilaterale Programme — verankert werden kann. Was fehlt, ist nicht das Instrument. Was fehlt, ist die politische Entscheidung, Frieden materiell zu denken.
Wer mit Würde wieder aufbaut, baut Frieden mit auf.
Wer ohne Würde wieder aufbaut, baut die nächste Eskalation mit auf.
Community Wealth Building macht Würde zu einer politischen, finanzierbaren, prüfbaren Größe.
Dieses Paper ist ein politischer Diskussionsbeitrag, kein wissenschaftlicher Aufsatz. Es kombiniert Praxiserfahrung aus 15+ Jahren internationaler Mediationsarbeit mit Sekundärliteratur zu CWB und Peacebuilding. Eine Langversion mit vollständigem Apparat ist auf Anfrage verfügbar.